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Georg Orwell hat im Jahre 1948 das Buch „1984“ geschrieben.
Seine Vision vom totalen Überwachungsstaat ist der Wirklichkeit sehr
nahe gerückt. Der gläserne Mensch ist da, seine Daten sind gespeichert.
Der technisch perfekte Überwachungsapparat harrt seines politischen
Missbrauchers: 1983 ist „1984“
Die Gefahren des „großen Bruders“ sind nicht mehr bloß
Literatur. Sie sind nach dem heutigen Stand der Technik real.
Horst Herold, bis 1980 Präsident des Bundeskriminalamtes
Der Countdown läuft zwölf Monate. Dann ist 1984, und George
Orwell (1903-1950) wird der Mann des Jahres sein.
Zwölf Monate noch trennen die Menschheit, die östliche und die
westliche, von jenem magischen Datum, das die Vollendung einer menschenfeindlichen,
nur noch totalitären Überwachungsgesellschaft beschreiben soll.
Dreieinhalb Jahrzehnte lang werden dann Kulturkritiker und Soziologen,
Politiker und Ökonomen, Konservative, Sozialisten und Liberale auf
die magische Zahl 84 gestarrt haben – eine Zahl, die mehr aus Zufall
entstanden war: durch die Umkehrung des Jahres 48 im 20. Jahrhundert,
jenes Jahres, in dem Orwell sein Buch „1984“ geschrieben hat.
Dreieinhalb Jahrzehnte lang geistert nun jene Vision umher, die Unheimliches
mit schierer Verzweiflung paarte, die eine lebensfeindliche Welt beschrieb,
in der dennoch gelebt werden musste, in der Apparate über die Menschen
und in der ein Großer Bruder über die Menschheit herrschte
– „Big Brother is watching you“.
Der Roman „1984“, als Warnung gedacht und als Satire geschrieben,
war zur Chiffre geworden für alles, was die Welt an Totalitarismus
und Personenüberwachung, an Gesinnungsterror und Bürokratie,
an amtlicher Verlogenheit und Manipulation der geschichtlichen Wahrheit,
an psychischen Schrecknissen und verletzter Menschenwürde, an Vernichtung
von Liberalität und Persönlichkeit, ob Liebe oder Religion,
erfunden hat.
Eine Chiffre deswegen, weil vieles von Orwells Visionen in Ansätzen
längst vorhanden, oft schon erprobt, öfter schon von der Wirklichkeit
überholt ist. Weil manches bei genauem Hinsehen schrecklicher scheint
als die Vision selbst.
Da ist ein Staat, der elektronische Gerichtsurteile über Verkehrssünder
spricht. Da ist ein Staat, der seine Gegner in psychiatrische Anstalten
steckt wie etwa die Sowjet-Union. Da ist ein Staat, der Terroristen mit
Rasterfahndung verfolgt und dadurch Tausende von harmlosen Bürgern
in Verdächtigtenkarteien bringt wie die Bundesrepublik Deutschland.
Da ist ein Bürger, der Krankenkassenformulare ausfüllt und dessen
Daten von Stund an zentral gespeichert sind. Da ist ein Bürger, der
sein Auto bei der Zulassungsstelle anmeldet und wiederum gespeichert ist.
Da ist ein Bürger, dessen Sozialversicherungspflicht ihn in die nächste
Datenbank bringt.
Und so geht es weiter: Wenn einer auf der Bank Kredit will – schon
ist er gespeichert. Wenn er sich im Hotelfoyer einträgt, im Buchklub,
bei der Lebensversicherung – alles ist gespeichert, gespeichert,
gespeichert.
Gespeichert in alle Ewigkeit? Wie weit ist schon System geworden, was
an Überwachungstechnik möglich, was an Datenverbreitung vorhanden
ist? Wo muss der Staat nach seinem Selbstverständnis überwachen?
Sind die angeblichen großtechnologischen Zwänge, repräsentiert
durch Atom- und Rüstungsindustrie, schon der Ansatz zum gefürchteten
Totalitarismus à la 1984 – auch dort, wo liberale Verfassungen
noch erfüllt zu sein scheinen?
Welche Orwell-Zwänge, die der Ahnherr des Jahres 1984 selbst gar
nicht gesehen hat, belästigen die Menschheit bereits? Sind sie wirklich
schon schlimmer als in der grausigen Vision? Ist vieles nur erträglich,
weil es nicht angewendet wird oder weil die Anwendung unbemerkt bleibt?
1984, das Jahr, ist auf der ganzen Welt zur Chiffre geworden auch für
jene Formen der Science-fiction, die den totalen Staat und seine totale
Technik zum Thema haben, zum Sinnbild für einen Literaturtyp, der
den durch staatliche und technische Totalität beherrschten Menschentyp
beschreibt. Einen Menschen, dem die Freiheit abhanden gekommen ist, der
in steten Verhaltenszwängen lebt und eigentlich keine Chance mehr
hat. 1984 ist – oft herbeigeredet, aber oft auch erfüllt –
der Schlüsselbegriff für eine beängstigende Welt geworden.
Literaten, Verlagsherren und Buch-Konsumenten hatten das längst geahnt.
Seit dem vergangenen Jahr ist das Buch „1984“ wieder ein Bestseller.
Amerikanische Magazine wie „Harper`s“ („If Orwell were
alive today“) und „The New Republic“ („Was Orwell
right?“) kämmen schon Anfang 1983 das Thema 1984 ab. Bestseller-Autor
Ed L. Doctorwo („Ragtime“) schreibt im „Playboy“
über Vision und Wirklichkeit von 1984 („On the brink of 1984“).
Sie alle ernennen 1983 und nicht erst 1984 zum eigentlichen Jahr des George
Orwell.
Das US-Nachrichten-Magazin „Time“ bringt zum ersten Male in
seiner Geschichte nicht mehr eine Einzelpeson als Mann des Jahres, sondern
den Computer als beherrschende Figur: Kaum dass die letzten zwölf
Monate vor dem magischen Jahr begonnen haben, ist das Jahr des Großen
Bruders Gegenwart.
Der Roman „1984“ war entstanden aus Berichten über das
Sowjet-System und den Hitler-Staat. Er ist nachempfunden dem schon 1921,
ein Jahr vor Gründung der Sowjet-Union geschriebenen Roman „Wir“
des russischen Schriftstellers Jewgenij Samjatin, der aus den revolutionären
Anfängen des Bolschewismus genial den totalen Staat Stalins vorhergesehen
hatte.
„1984“ ist außerdem entstanden aus den Berichten europäischer
Kommunisten, die später Abtrünnige des Systems geworden sind,
wie denen des Schriftstellers Arthur Koestler, mit dem Orwell befreundet
war. Das Buch Orwells, der selbst ein linker Literat war, ist so gesehen
unter einem einseitigen Aspekt geschrieben. Doch die Symbolzahl 1984 ist
unversehens über diese Begrenztheit hinausgewachsen.
1984, das Jahr, wurde auf solche Weise auch Chiffre eines zweiten literarischen
Welterfolgs: des Romans „Schöne neue Welt“ von Aldous
Huxley, gleichfalls einem Briten, der die Strukturen seiner Zeit zu ihrem
grässlich logischen Ende gedacht hat.
Bei Huxley, der nicht die Herrschaft der Gewalt, sondern die der sozialen
Anästhesie beschreibt, ist Komfort das Credo einer Gesellschaft,
die ein Weltstaat ist. Bei Orwell sind es Ärmlichkeit, Kohlgeruch
und schindender Wohlstand.
Der Sozialist Orwell beschreibt schlicht die vom Sowjet-System abgeleitete
totalitäre Welt von Entbehrung und Terror. Aldous Huxley beschreibt
mit technischer Phantasie eine bis in die perfekte Menschenzüchtung
vorgeschrittene totale Welt vom Komfort und seelenlosem Frieden. Orwells
Variante ist die östliche, Huxleys mag die westliche sein, und beide
haben sich unter dem Begriff 1984 zu einem globalen Schreckensbild vereint.
Das Schreckensbild ist in Teilen Realität geworden. Der östliche
Mensch hat seine inneren Barrieren gegen den totalitären Staat gebaut
und hofft auf kleine Freiheiten durch große Anpassung. Der westliche
Mensch lebt mit den Umständen, solange liberale Verfassungen, auch
liberal gehandhabt, ihn noch schützen können. Die Bedrohung,
Marke 1984, bleibt aber bei beiden.
Bedrohlich fortentwickelt etwa ist Orwells außenpolitische Vision
um die Dreiteilung der Welt. Der Romancier trennt die Welt in drei große
Machtblöcke „Ozeanien“ (Nord- und Südamerika, Australien,
das südliche Afrika sowie Großbritannien, das nur noch „Luftstützpunkt
Nr. 1“ heißt), Eurasien (die Sowjet-Union und das Kontinentale
Europa) und Ostasien. Das nördliche Afrika ist nach den Ideen Orwells
wechselnd in eurasischer und ozeanischer Hand. Es wird als ständiger
Kriegsschauplatz beider Blöcke verwendet. Sämtliche drei Supermächte
sind totalitär.
Die beiden echten Supermächte von 1984, USA und UdSSR, tragen im
afrikanischen Raum, freilich auch in Asien, tatsächlich ihre frivolen,
dem außen- wie dem innenpolitischen Gebrauch dienenden Kriege aus.
Allein die dritte Großmacht, Ostasien, wird im richtigen Jahr 1984
kein äußerlich geschlossener Block sein.
Orwells Behauptung aber, Großbritannien sei 1984 Ozeaniens Luftstützpunkt
Nr. 1, rückte Ende 1982 auf schauerliche Art in die Nähe der
Wahrheit: durch die Nachricht, die Nato wolle ihr Hauptquartier im Konfliktfall
nach Großbritannien verlegen, weil Deutschland, sprich Kontinentaleuropa,
bei einem Atomkrieg nicht mehr zu halten sein werde.
Bedrohlich fortentwickelt auch sind die Techniken der totalen Überwachung.
Bei Orwells Romanhelden Winston Smith liest sich das so:
Der Televisor war gleichzeitig Empfangs- und Sendegerät. Jedes von
Winston verursachte Geräusch, das über ein leises Flüstern
hinausging, wurde von ihm registriert. Außerdem konnte Winston,
solange er in dem von der Metallplatte beherrschten Sichtfeld blieb, nicht
nur gehört, sondern auch gesehen werden...
Über solche Primitiv-Techniken des Terrors können Überwachungsfachleute
im wirklichen Jahr 1984 nur lächeln. Schon 1983 steht ein ganzes
Arsenal unauffälliger Überwachungs-Instrumente zur Verfügung,
an das auch Privatleute herankommen. Bei gezielt massivem Einsatz solcher
Geräte ist jeder Bürger überall aufspürbar und abhörbar.
Sogar seine Bewegungen lassen sich übertragen. Der japanischen Kunst
von Verkleinerung und Verfeinerung elektronischer wie optischer Apparate
sei Dank:
In kleinen Diplomatenkoffern können komplette Bildaufnahmegeräte
stecken, die durch ein unauffälliges Loch Bild und Geräusche
von Unterhaltungen bei Tisch auf einen fernen TV-Schirm übertragen.
Auch für Spionage in freier Natur sind die Köfferchen geeignet.
Noch auf mehrere hundert Meter Distanz melden sie übers Fernsehen,
was die beschatteten Personen tun und reden.
Parabolspiegel mit Richtmikrophonen können bis zu 500 Meter Entfernung
jeden Ton auffangen und konservieren. Auf Moskaus Kaufhaus “Gum”
stehen sie zum Beispiel, um Gespräche auf dem Roten Platz vor der
Kreml-Mauer abzuhören.Kohlemikrophone – ohne Batterie –
können durch zwei bis drei Meter dicke Betonwände jeden Ton
aufnehmen. Eine Weiterentwicklung dieser Technik durch die Firma Siemens
soll den Üertragungen die Qualität eines normalen Telephongesprächs
verleihen.Telephongespräche, die über Satelliten geführt
werden, lassen sich mit Spezialantennen anzapfen, wenn die Nummer des
Empfängers bekannt ist. Auch wer sich den teuren Luxus eines Auto-Telephons
leistet, kann über Funk angepeilt und mühelos abgehört
werden.
Sogar durch dicke Glascheiben lassen sich Gespräche in Wohnungen
oder Büros über 50 bis 100 Meter Distanz aufzeichnen. Jedes
Wort im Raum versetzt die Außenscheiben in bestimmte Schwingungen.
Diese Schwingungen können von Spezialgeräten aufgenommen und
in lebendige Sprache zurückübersetzt werden.
Wer eine beliebige Polizeistation anruft, muß neuerdings schon damit
rechnen, daß der Polizist in der Leitung bleibt, auch wenn der Anrufer
längst aufgelegt hat. Auf der Wache kann weiter mitgehört werden,
was in der Wohnung des scheinbar längst ausgeklinkten Anrufers geredet
wird.
Gute Gelegenheit, über das Telephon zu schnüffeln, bietet auch
die sogenannte Harmonium-Wanze. Sie muß vorher nur in den Telephonhörer
des Beschnüffelten gesteckt werden, dann geht alles ganz leicht:
Der Überwachte wird angerufen, und sowie er den Hörer abgenommen
hat, genügt ein 800-Hertz-Pfeifton, um die Wanze zu aktivieren.
Der Angerufene hält das ganze für eine falsche Verbindung und
legt wieder auf. Von diesem Moment an leitet der aufgelegte Hörer
alles, was im Raum gesprochen wird, über die normale Telephonleitung
zum Schnüffler, der die Wanze durch einen ähnlichen Pfeifton
dann wieder “abstellen” kann.
Solche Technik ist jener des Orwell-Staates weit überlegen. Dort
war der Televisor zumeist klar sichtbar, die Krux war allerdings, daß
der Betroffene ihm nicht ausweichen konnte. Die neuere Schnüffeltechnik
kommt ohne das Mitwissen des Beschnüffelten aus.
Unlösbar verbunden mit organisierter Menschenüberwachung ist
die elektronische Aufzeichnung der Daten. In Orwells System ist über
jeden alles bekannt. Der Mensch ist gläsern. Aber gläsern ist
er auch schon der westdeutschen Wirklichkeit.
1979 schon sollen rund neun Millionen westdeutsche Bürger in geheimen
Datenbanken erfaßt gewesen sein. 1982 könnte es schon die Mehrheit
des Volkes sein.
Denn wo überall müssen nicht persönliche Angaben hinterlassen
werden? Auf dem Krankenschein, bei der Sozialversicherung, bei der Zulassungsstelle
für Automobilde, im Hotel, im Buchklub, bei der Bank, bei der Lebensvresicherung,
auf der Aufnahmestation des Krankenhauses und gelegentlich sogar im Foyer
großer Unternehmen. Niemand, der sich im Lande bewegt, entrinnt
mehr einer Datenbank.
Damit allein schon können Daten über Personen auf den Markt
geraten, die ganz harmlos ihren täglichen Besorgungen nachgehen,
ohne mit der staatlichen Macht in Kollision zu geraten oder ihr zu dienen.
Personen also, die allenfalls das Einwohnermeldeamt oder die Finanzbehörde
etwas angehen. Denn Datenbanken sind anzapfbar, es kommt nur auf den Preis
an.
Ganz offiziell zur Verfügung stehen Daten von Bürgern, die mit
dem Gesetz in falsche Berührung geraten sind – etwa weil sie
zur Unzeit oder am verkehrten Ort geparkt haben. Nicht nur in die Flensburger
Verkehrssünder-Kartei gerät jemand dann rasch hinein, auch gleich
in die Polizei-Akten, die angeblich um die 15 Millionen Fälle in
Deutschland speichern.
Sowie der Deutsche die Grenzen der Republik verlät, sind neue Aufzeichnungen
fällig. Schon das Paßamt besitzt seine Daten. Wenn es ernst
wird, muß der Paß an der Grenzstation elektronisch betastet
werden, und schon ist heraus, wo die betreffende Person sich gerade befindet.
Wenig später kann der Staat über den internationalen Datenaustausch
oder den Computer der Lufthansa wissen, wohin jeman geflogen ist. Bei
der Lufthansa selbst stehen inzwischen 8.300 Bedienstete in “sicherheitsempfindlichen
Bereichen” zur Prüfung durch den Verfassungsschutz an.
Ohne Schutz vor dem Tausch gespeicherter Daten, vor dem leichtsinnigen
Umgang mit solchen Angaben wäre der Bürger vogelfrei. Aus dem
Netzwerk der Angaben, die er beim Arzt, bei der Versicherung, bei der
Polizeikontrolle, an der Grenze, beim Buchklub, im Hotel, beim Finanzamt,
beim Sportverein und sonstwo hinterlassen hat, könnte eine totale
elektronische Bürokratie zu jeder Person ein Dossier fertigen, das
auch die persönliche Vermögenslage und die typischen Begleitpersonen
wie Freundinnen und Geschäftspartner mit einbezieht.
Wie von selbst würde bei dieser Verbindung von Daten mancher verdächtig,
der rein zufällig bestimmte Kriterien erfüllt, die auch auf
einen gesuchten Verbrecher zutreffen. Unversehens kommt eine unschuldige,
ganz und gar unverdächtige Person in den Polizeipeicher hinein, und
allein das schon kann Grundlage neuer Mißhelligkeite werden.
Ähnlich fatal wie das staatliche Datennetzwerk ist das private. Zwischen
den Personalabteilungen großer Unternehmen findet schon längst
ein Austausch wohlfeiler Bewerbedaten statt. Wer bei einem bestimmten
Kriterium Minuszeichen besitzt, etwa dreimal geschieden ist oder irgendwann
vielleicht schuldhaft einen Verkehrsunfall gebaut hat, ist gezeichnet
“Saubere” Bewerber sind ihm vorzuziehen, selbst wenn sie dümmer
sind.
Als schlimme Vorbelastungen gelten auch gelegentliche Besuche politischer
Demonstrationen oder Veranstaltungen überwachter Gruppierungen. Dort
werden nicht nur Daten erfaßt, dort wird auch photographiert.
Die Photographie sagt zwar nichts über den Grund des Besuches aus.
Es kann reine Neugier gewesen sein, eine Eigenart, von der die schöpferische
Phantasie lebt. Aber zehn Jahre später kann diese Photographie einem
Bewerber im öffentlichen Dienst zum Verhängnis werden.
Grund genug für große Gruppen, sich anpasserisch zu geben und
auf Kritik an Institutionen zu verzichten. Die freiwillige Unterordnung
unter totalitäre Verhaltensweisen, schädlich für die demokratische
Gesellschaft, beginnt schon hier.
Obgleich die demokratische Gesellschaft dennoch Gelegenheit gibt, das
Datennetz zu unterlaufen oder zu ignorieren, ist wirklicher Schutz gegen
Datenmißbrauch kaum noch möglich. Weil Datenbanken anzapfbar
sind, die aus ihnen geholte Informationsware kommerziell gehandelt werden
kann, sind plötzlich Intim-Kenntnisse über Mitbürger auch
in privater, von niemand mehr kontrollierbarer Hand frei verfügbar
für Freund und Feind.
Schon der reinen Informationsflut wegen stehen die Datenschützer
des Bundes und der Länder auf fast verlorenem Posten. Nun aber sollen
ihnen auch noch Befugnisse genommen werden. Bonns Innenminister Friedrich
Zimmermann hat das für die Legislatur nach dem 6. März fest
eingeplant. Und Generalbundesanwalt Kurt Rebmann hat es in der Zeitschrift
“Kriminalistik” so ausgedrückt: “Sicherheit geht
vor Datenschutz – nicht umgehekehrt” .
Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth, der
gerne als moderner Biedermann auftritt, machte schon den Anfang: Die Polizei
darf im Ländle Dateien anlegen, ohne sie noch beim Datenschutzbeauftragten
registrieren zu lassen. Umgekehrt darf der Datenschützer keine Einsicht
in Akten und Unterlagen mehr nehmen, “die im Zusammenhang mit der
Verarbeitung personenbezogener Daten stehen”. Und zwischen den staatlichen
Dienststellen darf ungehemmter Datenaustausch walten.
Datenschützer und Bürger sind nach diesen Gresetzen machtlos,
wenn eine Administration es will. Sie sind abhängig geworden vom
guten Willen der Regierung und der Verwaltung. Aber guter Wille ist kein
Verfassungsbestandteil, und der Perfektionismus der Behörden ist
nun einmal grenzenlos. So entstehen dann Register über Krebskranke
und Patienten psychiatrischer Kliniken, über Studenten und über
Selbstmordgefährdete.
Manche von ihnen, so etwa das Krebsregister, sollen dem allgemeinen Datenschutz
aus wissenschaftlichen Gründen entwunden werden. Doch wer wird sich
die Daten besorgen? Ob wohl jemand, der in ein Krebsregister geraten ist,
noch Aussicht hätte, einen langfristigen Arbeitsvertrag abzuschließen?
Totale Wahrheit, gespeichert in Daten, ist oft nur eine besondere Form
der Unwahrheit. Ihre Kehrseite ist im Orwell-Muster die totale Lüge.
Das “Ministerium für Liebe” ist in Wahrheit ein Gebäude-Komplex,
in dem gefoltert wird. Das “Ministerium für Wahrheit”
gilt bei Orwell als Zentrale zur Verfälschung der Geschichte.
Genau nach diesem Muster werden im kommunistischen Machtraum traditionell
Propaganda-Lügen vom Informationsministerium verbreitet. Und je nachdem,
welcher Diktator gerade herrscht oder mit welchem Staat gerade gute Beziehungen
anstehen, wird die gesamte Geschichte diesen Zwecken zuliebe neu verfaßt.
Über Leonid Breschnews Vorgänger Nikita Chrutschtschow sind
die Nachrichten im Sowjet-Reich rar. Sein Grab darf neuerdings nicht mehr
besichtigt werden. Dagegen werden in der DDR etwa Martin Luther, der den
Feudalfürsten zugetane Religionstifter, und der großbürgerliche
Johann Wolfgang von Goethe als Wegbereiter des Sozialismus gefeiert. Der
Zweck, die Heroen der deutschen Geistesgeschichte für sich zu reklamieren,
heilt die Mittel.
Auch in demokratischen Staaten gibt es Verfälschungen solcher Art.
Sie liegen oft in Wortschöpfungen, mit denen gesellschaftlich umstrittene
Taten des Staates verharmlost werden sollen. Da ist die Rede von Entsorgungsparks,
wenn es um die Lagerung des strahlenden Atom-Mülls geht. Das heißt
es Lohnpause, wenn von Einkommensschmälerung die Rede ist, und da
heißt es Peacemaker, wenn höchste Kriegstechnik gemeint ist.
Da hatte ein amerikanisches Atom-U-Boot gar “Corpus Christi”
heißen sollen, bevor es dann “City of Corpus Christi”
hieß.
Die elektronischen Medien sind zur Verbreitung verfälschender Nachrichtensprache
besonders dienlich. Sie können, glasfaserverkabelt, nicht nur speichern
und überwachen, sie können, ebenso wie der Televisor des Winston
Smith, Nachrichten senden, die im Grunde gesellschaftliche Befehle sind.
Im demokratischen System übernehmen sie die Aufgabe ablenkender Berieselung
und Anästhesierung, im totalitären die der schieren Propaganda.
Sie treffen sich hier wie dort in ihrer endlichen Wirkung: dem berieselten
Menschen das eigentlich Nötige abzunehmen – das Denken.
Der Mensch als kritisch-denkendes Wesen, der Staat als Festung freiheitlicher
Bräuche, die Staatenwelt als Gemeinschaft friedlichen und monchalanten
Zusammenlebens. Dieses waren die hohen humanen Ziele, als Aufklärung,
industrielle Revolution und Demokratie ein neues Zeitalter schufen. Sind
sie im Orwell-Jahr 1984 bedroht?
Was war schlimmer bei Orwell, was ist schlimmer als bei Orwell? In der
Welt der Visionäre war das Leben in den Staaten total organisert
und ohne Freiheitsräume. Ohne Hoffnung auch. Aber Konflikte zwischen
den Völkern besaßen keinen hohen Stellenwert, waren fast schon
Nebensache.
Aldous Huxley, dessen Romanhandlung 600 Jahre in die Zukunft verlegt wird,
kannte schon keine Staaten mehr, sondern nur die eine Weltregierung, beherrscht
durch den Welt-Aufsichtsrat. Ideologischen Zwist konnte es da nicht geben.
George Orwells drei Superstaaten waren sich so ähnlich, daß
ideologischer Streit, Religionskrieg also, nicht stattfinden konnte und
um Rohstoffe kein Konflikt war, denn jeder konnte sich selbst versorgen.
Die Tötungstechnologie war deshalb vergleichsweise unterentwickelt.
In der wirklichen Welt von 1984 aber gibt es zwar die geweissagten Supermächte,
doch gehorchen sie verfeindeten gesellschaftlichen Systemen. Obwohl das
wirkliche Ozeanien (USA, Westeuropa) und das wirkliche Eurasien (UdSSR,
Osteuropa) gemeinsame Traditionen besitzen und sich auch in der Grundlage
ihrer Systeme, dem Materialismus, ähneln, haben ihre weltanschaulichen
Unverträglichkeiten die Qualität von Religionskriegen gewonnen.
Da in Ost und West unterschiedliche Heilslehren verkündet werden,
gerät jeder Konflikt in die Nähe der Systembedrohung. Ost und
West reagieren darauf mit hochgeschraubter Kriegstechnologie.
Die gibt es zwar auch bei Orwell. Dort mühen sich ozeanische Wissenschaftler
um die “Auffindung eines Verfahrens zur Tötung von mehreren
hundert Millionen Menschen in ein paar Sekunden ohne vorhergehende Warnung”.
Andere wollen “ein Fahrzeug konstruieren, das sich unter der Erde
wie ein Unterseeboot unter Wasser fortgewegt”. Aber Gedanken über
Waffensysteme bleiben ein Nebenaspekt. In der gegenwärtigen Welt,
ein Jahr vor 1984, ist Orwell nur eine Art Jules Verne.
Schon vor Jahren haben die Amerikaner Orwell da übererfüllen
wollen. Unter den Wüsten von Utah und Nevada hatten sie ein Silo-System
bauen wollen, in dem ständig 200 Groß-Raketen und eine Unzahl
Raketenattrappen hin und her geschoben werden sollten. Daß die Sowjets
ähnliche Unterwelt-Projekte betreiben, ist so gut wie sicher.
Seit 1981 besitzen die USA die riesigen 18.700-Tonnen-U-Boote der “Ohio”-Klasse,
die im getauchten Zustand auf einen Schlag 24 Langstreckenraketen mit
je acht Atom-Sprengköpfen der achtfachen Hiroshima-Stärke abschießen
können. Rein rechnerisch kann jedes dieser See-Ungeheuer damit 190
Großstädte auf einen Schlag auslöschen.
Militärisches Gleichgewicht und die Möglichkeiten des Overkill
haben Kriege zwischen den Supermächten bisher verhindert. Der ideologische
Kriegsgrund aber besteht weiter. Bei Orwell gibt es ihn nicht. Die bei
Orwell erkennbare Ratio der Herrscher in Sachen Krieg hat zwar auch die
beiden Supermächte des wirklichen Jahres 1984 in Zaum gehalten, doch
hält die dritte Staatenwelt, bei Orwell Ostasien genannt, die Option
des Krieges offen.
Von der Welt des Nahen Osten ist die westliche abhängig, weil nur
dort das Schmiermittel westlicher Industriekultur, das Erdöl, in
reichlichem Maße zu haben ist. Zumindest die religiösen Eiferer
Chomeini und Gaddafi sind noch immer gut für Überraschungen,
die Amerikas Streitmacht einer militärischen Aktion nahebringen.
Bricht sie aus, sind die Gleichgewichts- und Sicherheitssysteme auch zwischen
Nato und Warschauer Pakt gestört. Einmal ausgebrochen, schließen
ideologische Kriege, die um den Sieg eines Systems gehen, jede Vernunft
aus.
Die außenpolitische Lage mithin ist verzwickter, gefährlicher,
düsterer als im Orwellschen Modell. Und sie hat ihre deutlichen Reflexe
auf das innenpolitische Klima. Hüben wie drüben, in jedem Machtblock,
wird die Gefahr von außen als Disziplinierungsmittel nach innen
benutzt.
Daß totalitäre Staaten Gegner ihres Systems ausmerzen, ist
eine alte Weisheit. Daß unter dem echten oder eingebildeten Außendruck
auch demokratische Systeme semi-totalitär werden können, ist
neu.
Den Einparteien-Systemen der totalitären Welt stehen dort zwar Mehrparteien-Systeme
gegenüber, doch gibt es hier wie da kaum eine Duldung von Gruppen,
die das System selbst abschaffen, vielleicht nur verändern wollen.
Gegen sie richtet sich auch in den Demokratien die volle Macht und Finanzkraft
des elektronischen Staates. Das simple Beispiel dafür ist der Sonnenstaat
des Doktor Herold.
Horst Herold, inzwischen pensionierter Präsident des Bundeskriminalamtes,
ist der Erfinder des Systems der Rasterfahndung, die nur auf elektronische
Weise geschehen kann. Auslöser seines Personenverfolgungssystems
war die Terrorismus-Welle, der 1977 Prominente wie Generalbundesanwalt
Siegfried Bubach, Bankier Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident
Hans-Martin Schleyer zum Opfer gefallen waren.
Um den Ring der Rote Armee Franktion (RAF) zu sprengen, baute Herold in
Wiesbaden computergesteuerte Fahndungsnetze auf, in deren Stricken sich
nebenher Tausende von harmlosen Mitbürgern verfingen, weil sie etwa
in Hochhäusern wohnten, selten anzutreffen waren, zwischen 25 und
35 Lenze zählten und gelegentlich so vermessen gewesen sind, sich
bei Hertz oder Avis einen Personenwagen auszuleihen. Weil sie sich eben
verhielten wie die auf Unauffälligkeit bedachten Terroristen.
Im Hintergrund der Systemfahndung stehen jene Datensysteme, von denen
fast jeder westdeutsche Bürger erfaßt wird. Sie hatten sich,
der technischen Entwicklung folgend, seit 1945 fast von selbst aufgebaut
und wurden unmerklich allumfassend. Aus dem Bürgerschutz, den die
staatliche Polizeigewalt pflegen sollte, wurde Schritt für Schritt
der Schutz von Staat und Wirtschaft, von Organisationen, nicht Personen.
Die Prioritäten des liberalen Rechtsstaates drehten sich unter dem
Druck elektronischer Technik um. Es entstand in alter, vordemokratischer
Tradition ein ausgiebig wuchernder Sicherheitsbereich, der Zug um Zug
zum Sicherheitsrisiko für individuelle Freiheit wird – wenn
etwa eine totalitär gestimmte Parteienkonstellation ans Ruder gerät.
Ein schwieriger Sohn EnglandsDas kurze Leben des Schriftstellers George
OrwellEin glücklicher Pfarrer wär`ich vielleicht / vor zweihundert
Jahren gewesen”, erträumte er sich in einem Gedicht. Aber er
lebte in den modernen Zeiten der großen Kriege, Krisen und bluttriefenden
Diktaturen, und da er ein Gerechter war und von einzigartiger Aufrichtigkeit,
ergriff er Partei gegen Gewalt, Unterdrückung und Willkür, für
die Erniedrigten und Geschundenen, für Anstand und Freiheit in einer
sich verfinsternden Welt, in der man “Lügen als Wahrheit, Mord
als Wohltat und bloßen Wind als etwas sehr Solides verkaufte”.
Wenn jedoch “Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht,
den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen”, schrieb
dieser lange, dünne Puritaner, dessen Bücher kaum gelesen wurden
– bis er dann doch Gehör fand, bis schließlich doch Erfolg
und Wohlstand in seine Einsamkeit hereinbrachen, aber da war er schon
ein moribunder Mann, dem die Tuberkulose die Lungen zerfraß.
Georg Orwell, Prophet der Schreckenswelt von “1984”, vielzitierter
Autor auch der grimmigen Fabel von der “Farm der Tiere”, ist
heute, 33 Jahre nach seinem Tod, der meistgelesene englische Schriftsteller
des 20. Jahrhunderts. Und mit später Bewunderung wird inzwischen
auch jener einst so mißachtete, jener andere Orwell zur Kenntnis
genommen (ja hierzulande überhaupt erst allmählich entdeckt),
der in Romanen, Reportagen und vieles Essays Zeugnis ablegt von seiner
Zeit, von den Dekaden der Dreißiger und der Vierziger, in denen
sich Europas Gesicht verändert hat.
Als den bedeutendsten politischen Literaten auf den britischen Inseln
seit Jonathan Swift (1667 bis 1745) hat sein Biograph Bernard Chrick ihn
gerühmt; als unbeugsamen Moralisten, nichts und niemandem und keiner
Instanz verpflichtet außer dem eigenen Gewissen, pries ihn in einer
anderen Orwell-Biographie sein Landsmann Peter Lewis. Eines auf jeden
Fall ist er immer gewesen: ein Einzelgänger und Außenseiter,
ein höchst querköpfiger Zeitgenosse, ein schwieriger Sohn Englands
– schwermütig, verschlossen, selbstzerstörerisch, von
stoischer Gelassenheit, voller Widersprüche.
Eric Blair war sein bürgerlicher Name. Britanniens herrschende Klasse
hat ihn hervorgebracht, die feine Schule von Eton ihm zum Snob erzogen
und seinen Akzent geprägt. Und “fünf langweilige Jahre,
durchweht von Hörnerklang”, bis 1927, trug er in Burma des
weißen Mannes Bürde, ein junger Polizeioffizier mit Tropenhelm
und Stöckchen, “hin- und hergerissen zwischen Haß auf
das Empire, dessen Diener ich war, und der Wut auf dieses hinterhältige
Gesindel”: “Einerseits hielt ich die britische Kolonialherrschaft
für eine widerliche Tyrannei, andererseits wäre es für
mich das größte Vergnügen gewesen, einem buddhistischen
Priester ein Bajonett in den Bau zu rammen.”
Und so quittierte er mit 24 den Dienst für die Krone und brach aus
der Schicht der Privilegierten, um zu büßen für “eine
ungeheuer drückende Schuld?, um “hinabzusinken, ganz hinab
zu den Unterdrückten”, auf deren Seite er stehen wollte, “und
nicht auf der Seite der Tyrannen” – und es begann, “ganz
unten”, in Elend und Hunger, in Dreck und Gestank, die beschwerliche
Karriere des Schriftstellers Georg Orwell.
Unter den Abgewrackten, den Lumpensammlern, Huren und Clochards von Paris,
wo er sich als Tellerwäscher durchschlug, hat sie begonnen, und mit
Streifzügen durch die Slums und den Latrinen-Mief der Nachtasyle
Londons. Down and Out in Paris and London” nannte er sein erstes
Werk. Das 1933 erschien, unbeachtet wie seine folgenden Romane. Er glaube
nicht, meine Orwell, daß er “je ein erfolgreiches Buch schreiben
werde”.
1936, zur Zeit der großen Drepression und Massenarbeitslosigkeit,
reiste er im Auftrag und mit Vorschuß des Verlegers Victor Gollancz
in die Industriegebiete Nordenglands, zu den Kumpels von Landcashire und
Yorkshire.
Es war Orwells erste Begegnung mit der Arbeiterklasse, mit der er sich
gern verbrüdert hätte, nur: Ganz in der Nähe bekannte er
in seiner Sozialreportage “Der Weg nach Wigan Pier”, fand
er den “Schweiß der Unterschicht” ziemlich ekelhaft;
denn “das war es, was man uns beigebracht hatte – ein Arbeiter
stinkt”.
“Es genügt nicht, einem Proletarier auf die Schultern zu klopfen
und ihm zu erklären, er sei ein ebenso guter Mensch wie man selbst”,
erkannte Orwell. Gleich darauf kämpfte er im Spanischen Bürgerkrieg
für Brüderlichkeit und “absolute Gleichheit”, gegen
Franco und die Faschisten, bis ihm im Schützengraben an der Aragon-Front
eine Kugel den Hals durchschlug.
“Ich habe wunderbare Dinge gesehen und ich bin vom Sozialismus jetzt
wirklich überzeugt, was ich vorher nie gewesen bin”, meldet
der rote Milizsoldat E. Blair nach Hause. Seine Träume und Hoffnungen
aber zerstoben jählings den Säuberungsaktionen kommunistischer
Funktionäre und Genickschuß-Spezialisten, die aufräumten
unter den revolutionären Splittergruppen und Abweichlern von Moskaus
Linie – und Anarchisten und Trotzkisten. Orwells Bericht “Mein
Katalonien” hat diesen “stalinistischen Verrat” dokumentierte
die linke Intelligentsia Englands, die herzlich verachtete, wollte nichts
davon hören.
Als “demokratischer Sozialist” war er aus Spanien heimgekehrt
nach Herfordshire, ins grüne, alternative Leben, fern der ihm stets
verhaßten Großstadt zu seinen Hühnern, zum Gemüse
und dem Dorfladen, der er mit Ehefrau Eileen betrieb. Als leidenschaftlicher
Patriot kehrte er nach Kriegsausbruch zurück in die Betonschluchten
Londons, in Erwartung der deutschen Bombergeschwader, und “die Wucht
und Schönheit der Flammen” hat ihn dann mächtig beeindruckt
– er fühlte sich einfach wohl im Feuer, das vom Himmel fiel,
zwischen den Trümmern, im Ausnahmezustand von “Blut, Schweiß
und Tränen”, ein Mann (so Biograph Lewis), “der Mühsal
und Widrigkeiten förmlich genoß”, Sein einziger Kummer:
Die Armee wies ihn als nicht verwendungsfähig zurück, der tuberkulösen
Lunge wegen.
Zum Geheul der Sirenen, im höllischen Wetterleuchten der Luftschlacht
um Britannien trat Orwell ein ins letzte Jahrzehnt seines Lebens. Es war
die Zeit der vielen Zeitungsartikel, Rezensionen und großen literarisch-politischen
Essays, die klaren Stils, aggressiv-polemisch, zutiefst pessimistisch
den Geist und die Geisteskrankheit der Epoche offenbaren.
Was er sah, angesichts eines Stalin, eines Hitler, war der “Zusammenbruch
der liberalen christlichen Kultur” Europas: “Mit fast tödlicher
Sicherheit bewegen wir uns auf ein Zeitalter totalitärer Diktaturen
zu, ein Zeitalter, in dem Gedankenfreiheit zunächst eine Todsünde
und später ein leerer, abstrakter Begriff sein wird. Das selbständig
denkende Individuum wird ausgelöscht werden.” Dennoch, beharrte
er, müsse “man den politischen Kampf weiterführen, so
wie ein Arzt versuchen muß, das Leben eines Patienten zu retten,
der wahrscheinlich stirbt”.
Im Frühjahr 1944, als die ganze westliche Welt noch bewundernd auf
den tapferen “Onkel Joe” im Kreml blickte, beendete Orwell
seine allegorische “Geschichte einer Revolution, die entartete”
– jene Fabel von der “Farm der Tiere”, auf der “alle
Tiere gleich, aber einige Tiere gleicher sind als andere”. Drei
englische und rund 20 amerikanische Verlage schickten ihm das Manuskript
zurück. Auch der Dichter T. S. Eliot, Verlagsdirektor von Faber &
Faber, gab sich nicht überzeugt, daß “das Buch zu den
Dingen gehört, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt gesagt werden
sollten”.
Ein Jahr später, im ersten Sommer des Friedens (und der Kalte Krieg
bereits in spürbarer Nähe), wurde “Animal Farm”
über Nacht zum Weltbestseller und als die großartigste Satire
seit Swifts “Gulliver” gefeiert. In der “Prawda”
aber stand zu lesen: “Orwell sabbert gifitigen Speichel, und für
alles Schlechte macht er das Volk verantwortlich.”
George Orwell, 41jährig, war plötzlich ein berühmter Autor.
Aber er war auch ein kranker, ein unglücklicher Mann. Seine Eileen
war ihm gestorben, und er blieb allein mit dem kleinen Richard, den sie
adoptiert hatten und für den er nun dringend eine neue Mutter suchte.
In meinem Leben gibt es nur noch die Arbeit und die Sorge, wie ich Richard
zu einem guten Start verhelfe. Manchmal fühle ich mich nur so verdammt
einsam”, schrieb er in einem seiner Heiratsanträge. Er fügte
hinzu: “Eigentlich frage ich Sie, ob Sie die Witwe eines Schriftstellers
werden wollen.”
Mit seinem Sohn zog er in die Abgeschiedenheit der Insel Jura vor der
Westküste Schottlands, in ein verlassenes Farmhaus ohne Strom und
Telephon, umgeben von einer Ödnis aus Heide, Moor und Torf, der nächste
Arzt 30 Meilen weit entfernt – “ein wahnwitziger und selbstmörderischer
“Aufenthaltsort”, wie ein Kritiker meinte; “Todeswünsche”,
mutmaßten andere, hätten ihn dorthin getrieben. “Ich
glaube”, sage Kollege V. S. Pritchett über den “verarmten
Sahib”, “er war ein Mensch, der einfach leiden wollte.”
Orwell jedoch versicherte: “Es geht mir prächtig hier.”
Er bestellte seinen Gemüsegarten, töpferte, zimmerte, bastelte
Spielzeug für Richard, machte Marmelade ein, jagte Kaninchen, rupfte
Gänse, legte Hummerkörbe aus, schipperte zum Angeln hinaus auf
die hohe See und kehre zurück ins kahle, kalte Heim, um weiterzuschreiben
an seiner “Utopie in Form eines Romans”. “Der letzte
Mensch in Europa” sollte sie heißen; oder auch, in Verdrehung
der seinerzeit aktuellen Jahreszahl: “1984”.
“Überall auf der Welt”, kommentierte Orwell sein Werk,
“haben sich totalitäre Ideen in den Köpfen der Intellektuellen
festgesetzt, und ich habe versucht, diese Ideen logisch zu Ende zu denken.”
Doch in seiner Brust nistete der Tod. Orwell mußte wieder ins Krankenhaus.
“Ich hätte”, gestand er ein, “das schon vor zwei
Monaten tun sollen, aber ich wollte dieses verdammte Buch erst noch unter
Dach und Fach bringen.”
Das Frühjahr 1949 verbringt er in einem Sanatorium im Süden
Englands. Sein Roman erscheint im Juni. Im September wird er in die Londoner
Universitätsklinik verlegt. Dort heiratet er die Redaktionsassistentin
Sonia Brownell. “Ich habe”, so sagt er, “die triftigsten
Gründe, am Leben zu bleiben.”
Er stirbt in der Nacht des 21. Januar 1950 an einer Lungenblutung, 46
Jahre ist er alt. Seinem Wunsch gemäß wird er nach dem Ritus
der Kirche von England beigesetzt. Sein Grabstein auf dem Friedhof von
Sutton Courtenay trägt die Inschrift: “Hier ruht Eric Blair”.
Er war ein komplizierter Mann. Doch was er sich, nach den Worten seines
Freundes und Gesinnungsgenossen Arthur Koestler, erträumte, ist einfach
zu begreifen: “Niemand sollte arm sein, und niemand sollte bestimmen
können, was andere Menschen zu denken und zu tun haben.”
Die Geheimdienste bauten, von liberalen Innenministern gegengezeichnet,
ihr Nachrichtensystem Nadis (Nachrichtendienstliches Informations-System)
aus. Die Polizei entwickelte ihr Inpol-Datensystem. Sie enthalten zentrale
Personen-Indizes, die in Sekunden abgerufen werden können und fast
perfekt sind. Aber eben nur fast. Deshalb drängt eine starke Lobby
darauf, Zugriff zu den Daten der Sozialversicherung und den gespeicherten
Personenbeschreibungen der Finanzämter, die zusammen mehr als 95
Prozent der Bevölkerung erfassen, zu bekommen.
Besondere Datenbanken gehen über rein statistische Angaben hinaus.
So speichert das Bundeskriminalamt Fingerabdrücke von über zwei
Millionen Personen und 150.000 Handschriftenproben. Vereint können
sie im Zeitraum einer Zigarettenlänge aus bruchstückhaften Indizien
fast jeden identifizieren und dann auch noch das perfekte Personenbild
nachliefern.
Am Ende soll jede Polizeiwache, jeder wohlausgerüstete Streifenwagen
in der Lage sein, binnen weniger Minuten über jede Person verläßliche
Daten abrufen zu können.
Horst Herold, ein gebildeter Mann, wollte mit seinem elektronischen Superstaat
allerdings immer noch den Bürger schützen. Er wollte nicht erst
die Verbrechen aufklären müssen, sondern schon die Verbrechensvoraussetzungen.
Er wollte eine allumfassende Soziographie, um Verbrechen gar nicht erst
entstehen zu lassen.
“Man muß”, sagt Herold in einem gespenstischen Gespräch
mit der Monatszeitschrift “Transatlantik”, einen lebenswerten
Staat schaffen. Einen Staat der Bürger – einen transparenten
Staat. Und den können Sie nur technisch transparent machen. Ja, das
ist natürlich ein Sonnenstaat, aber der ist machbar heute. Hier in
der Polizei ist das machbar.”
Elektronische Gerechtigkeit? Verblendung, fast Wahn oder das soziale Konzept
der Zukunft, die Orwell übertrifft und schon bei Huxley steht?
Bei Huxleys Sonnenstaat ist Wohlverhalten schon in die Gene der Menschen
eingebaut – Menschen, die auf Flaschen gezogen und “entkorkt”
werden: Vorsorge für ein friedfertiges Leben ohne Konflikte. Die
letzte kybernetische Konsequenz von Herolds Computerdenken. Eine Perversion.
“Aus organisationstheoretischen und –soziologischen Überlegungen
steht fest”, schreibt der Bremer Rechtsprofessor Wilhelm Steinmüller,
“daß Systeme dieser Größenordnung und Kompliziertheit
nicht mehr überblickt und kontrolliert werden können ... Damit
ist das weitere Fehlverhalten des Sicherheitsbereichs vorprogrammiert
und praktisch unausweichlich, unabhängig vom Verschulden Beteiligter.
Das technisch-organisatorische Substrat eines ´friendly fascism´harrt
seines politischen Mißbrauchers.”
Das in der Welt einmalige deutsche Sicherungssystem, mein Steinmüller,
finde seine Parallele im Ausbau der Kernenergie: “Man schafft ein
überdimensioniertes Risikopotential und hofft vergeblich auf das
Nichteintreten der unvermeidlichen Begleitfolgen.” Großtechnologie,
deren äußerstes Sinnbild eine wie wild ausgebaute Atomenergie
ist, bringt das Gemeinwesen ganz von selbst zu einem höheren Grad
des Totalitarismus.
Großtechnologie, wie sie von ihren führenden Verfechtern betrieben
werden soll, ist im Ansatz der Vresorgung des Bürgers gewidmet. Atomkraftwerke
liefern eben Strom. Doch die komplizierte Technik führt zur Verselbständigung
des Systems. An dessen denkbarem Ende ist es dann nicht mehr für
den Bürger da, sondern umgekehrt.
Weil dies untergründig empfunden wird, muß das System nun gegen
den Bürger, aber scheinbar zu dessen Nutzen verteidigt und bewacht
werden. Wenn es soweit kommt – und bei einer perfekten Atomtechnologie
muß es wohl dazu kommen -, ist der Totalitarismus à la Orwell
und Huxley da.
Das Unternehmen Atomstaat, wie Robert Jungk ihn beschreibt, würde
sich zwangsläufig einstellen, wenn die etwa von dem deutschen Brüter-Professor
Wolf Häfele entwickelte Idee einer atomaren Versorgungswelt auch
nur in Ansätzen verwirklicht wird.
Häfele hat vorgerechnet, daß bei einer Entscheidung der Menschheit
– wer ist das: die Menschheit? – für den atomaren Weg
im Jahr 2030 rund 5000, später dann weitere 10.000 Kernkraftwerke
dastehen müßten, zumeist in Gestalt von Schnellen Brütern.
Schon die ersten 5.000 Nuklearanlagen sollen 40.000 Milliarden Dollar
kosten, eine Zahl mit 13 Nullen, das Vierfache des gegenwärtig auf
der Welt vorhandenen Produktivvermögens. Nach einer Vermutung des
US-Atomprofessors Alvin Weinberg wird bei Anlage einer solchen Zahl von
“Kernenergieparks” alle vier Jahre ein Kernschmelzunfall stattfinden.
Mit dem Strahlenrisiko müsse die Menschheit, die dann ja eine andere
Menschheit wäre, leben.
Bereits dieses Unfallrisiko bietet eine wohlfeile Begründung für
den Aufbau einer weitverzweigten Überwachungsarmee, der die Personenraster
des Doktor Herold prächtig zu Diensten sein können. Der “friendly
fascism” würde seinen Mißbraucher rasch finden.
Was den Überwachungs-“Bedarf” betrifft, hat die Eigendynamik
schon begonnen. Seit 1970 ist der Aufwand für den Verfassungsschutz
versechsfacht worden. Der Personalbestand des Bundeskriminalamtes ist
viermal so hoch wie 1970, die Polizei der Länder ist um rund 50 Prozent
verstärkt worden. In Westdeutschland arbeiten, auf die Bevölkerung
bezogen, schon doppelt so viele Polizisten wie etwa in Holland.
Die private Bewachungsarmee kann sich gleichfalls sehen lassen. 900 private
Schutzfirmen beschäftigen rund 70.000 Wächter. Für den
Werkschutz sind 120.000 zumeist Bewaffnete unterwegs. Die Sicherheitsanforderungen
eines Nuklearsystems werden um ein Mehrfaches höher sein. Weinbergs
Kernenergieparks müssen zwangsläufig Sicherheitszonen haben
wie einst des Führers Wolfsschanze im Zweiten Weltkrieg – und
paramilitärisches Bewachungspersonal.
Ganz von selbst müssen Systeme solchen Zuschnitts kontraproduktiv
wirken. Je mehr Aufwand die Großtechnologie und ihre Verteidigung,
die Bürokratie und ihre Verteidigung schlucken, desto geringer der
Lebensstandard des Volkes. Im Bild Orwells, das freilich den alten, billigen
Staatskapitalismus der Stalin-Zeit zum Vorbild hatte, ist der Höhepunkt
des äußeren Lebensstandards längst überschritten,
er liegt vor der Machtübernahme durch die eine Partei. Seitdem hat
sich die Welt in einen “armseligen, hungerleidenden jämmerlichen
Aufenthaltsort” verwandelt.
Sehr wahrscheinlich, daß Übertreibungen beim Aufbau großtechnologischer
Systeme, die durch staatliche Hoheitsakte entstanden sind wie die Nuklearwirtschaft,
den Keim des ökonomischen Abstiegs ebenso tagen wie den des totalitären
Staats. Diese Gefahren einer postliberalen Zeit lassen sich für totalitäre
Staaten nur durch den einen, nicht von Orwell, wohl aber von Huxley vollzogenen
Schritt vermeiden: Konfliktbeseitigung durch genetisch Programmierte und
durch Psychopharmaka.
In Huxleys schöner neuer Welt arbeiten nach dem griechischen Alphabet
abgestufte Menschengruppen unterschiedlicher Intelligenz, deren Zahl genau
auf die gesellschaftlich nötigen Produktions- und Verwaltungsvorgänge
abgestellt ist. Die Menschen werden künstlich gezüchtet, ihre
Gene auf Flaschen gezogen, und zwecks Geburt wird der genormte Mensch
dort herausgeholt. Die Alpha-Menschen sind von hoher, die Gamma-Menschen
von niedrigerer Intelligenz, die Epsilon-Typen haben gar keine Intelligenz
mehr. Die von unten sehnen sich nicht nach dem Statur der oberen und umgekehrt.
Er herrscht folglich Frieden in der Huxley-Gesellschaft, und wenn es zu
Spannungen dennoch einmal kommt, helfen “Soma”-Tabletten,
und der Mensch verfällt in angenehme Gefühle, Konflikte etwa
durch Eifersucht und Kindererziehung finden nicht statt. Persönliche
Bindungen gibt es nicht, dafür ausgedehnte Promiskuität.
Die Gesellschaft funktioniert durch ihre Seelen- und Bindungslosigkeit,
aber auch sie ist totalitär, weil ihr System von innen und von außen
nicht gestört werden darf. Wer sich den Luxus der Individualität
leisten will, kommt auf ferne Inseln. Einer der Haupthelden wurde auf
die Falklands verbannt.
Die Wirklichkeit ist von solchem Bild nur scheinbar noch weit entfernt.
Denn es sind auch hier wieder, wie in Orwells Überwachungsstaat,
die technischen Ansätze sichtbar. Die selbstverständliche Raktenfahrt
ebenso wie der private Hubschrauber, die Neigung zur Promiskuität
ebenso wie die zur äußerlichen Jugendlichkeit bis in den Tod,
die Neigung, Konflikte mit Psychopharmaka abzuwürgen, erst recht
und der Beginn einer biochemischen Revolution ganz deutlic. Das künstliche
Befruchtungen außerhalb des menschlichen Körpers gelangen,
mag für die Huxley-Welt eine primitive Vorstufe sein. Doch Wissenschafts-Technokraten
sind längst auf dem Weg der Gen-Manipulation.
Daraus ist bereits, in Amerika vor allem, ein ganz neuer Industriezweig
geworden. “Genetic Engeneering” heißt er mit hohem Geschmacksempfinden,
und gezüchtet werden dort Virus-Kulturen, die einen bestimmten Zweck
erfüllen sollen.
James Watson und Francis Crick, die Entdecker der Gen-Strukturen, hatten
festgestellt, daß die Erbanlagen in einer Doppelspirale von Molekülen
programmiert sind. Diese Erbanlagen lassen sich verpflanzen: Lebenwesen,
primitive freilich, können schon jetzt Eigenschaften anderer Lebenwesen
einprogrammiert bekommen. Für Biochemiker, vielleicht aber auch für
Nationalstaaten und Industrie-Unternehmen, ein faustischer Reiz.
An der Schwelle zum Jahr 1984 hat sich die Menschheit sämtliche Instrumente
geschaffe, die stets unter dem Schlagwort “1984” vereint werden.
An der Schwelle zu diesem magischen Jahr unterliegen viele der heißen
Illusion, zwar die Orwell-, wenn nicht die Huxley-Technik zu beherrschen,
sich von ihr aber nicht beherrschen zu lassen.
Doch wo der Ausdruck “herrschen” so locker und selbstverständlich
fließt, da ist die zwanghafte Neigung zum Totalitären nicht
mehr auszuschließen. Da wirkt die Lust an der Anwendung höher
als die Lust an der Freiheit des anderen. Da gerät nicht nur der
totalitäre Staat, da driftet selbst ein liberal verfaßtes Gemeinwesen
in das unsichtbare Netzwerk von Elektronik und Überwachung, von Reglementierung
und Manipulation. Und wenn schon nicht der Staat, dann private Institutionen
wie Wirtschaftsunternehmen etwa, die nicht demokratisch kontrolliert werden.
Der Bonner Historiker Karl Dietrich Bracher, einer der profiliertesten
Erforscher totalitärer Systeme, hat die Bedingungen genannt, unter
denen totalitäre Herrschaft nach dem Muster des Orwell-Staates entsteht.
Sie sind leicht aufgezählt, in jeder westlichen Demokratie vorhanden
und damit auch in der deutschen.
Die primäre Totalitarismus-Bedingung ist nach Bracher der Industrialismus
und die Technologie. Deren Wuchern bilde die eigentliche Basis jeder totalen
Herrschaft. Industrialismus und Technologie aber sind die Hauptgötzen
auch der westlichen Demokratien.
Als weitere Bedingungen hat Bracher, im Zusammenhang mit Arbeiten über
den Nazi-Staat, politische Unerfahrenheit, geringes Vertrautsein mit den
Funktionsweisen parlamentarischer Demokratie, mächtige obrigkeitsstaatliche
Reste und große Entscheidungsspielräume der Kritiker wie der
Gegner des demokratischen Staatswesens erkannt.
Industrialismus und Technologie zumindest sind den Deutschen eingegeben,
ebenso wie obrigkeitsstaatliche Rückfälle. Sie werden, von der
konservativen Regierung in Bonn, eher gefördert als gemindert. Sie
werden, deutlicher gesagt, sogar mit Eifer fortgeschrieben. Sie gelten,
mehr noch, als Lösungskerne für den gedeihlichen Fortschritt.
1982, noch bis zum Kanzlersturz, besaß die Bundesrepublik Deutschland
den Innenminister Gerhart Baum, der den Überwachungsstaat begrenzen,
wenn nicht abbauen wollte. Baum wurde von seinen konservativen Gegnern
als Sicherheitsrisiko eingestuft.
1983 besitzt die Bundesrepublik den Innenminster Friedrich Zimmermann,
der den Überwachungsstaat wieder stärken will, dessen Staatssekretär
Karl-Dieter Spranger erklären darf, den Datenschutz auflockern zu
wollen. Datenschutz, so die Kurzformel, sei Tatenschutz – also Täterschutz.
1984 schließlich, als hätte es der 1950 verstorbene Orwell
aus dem Grabe bestellt, werden Westdeutschlands Bürger ihre neuen
EDV-gerechten Bundespersonalausweise bekommen – abtastfähig
von den elektronischen Geräten der Polizei und des Zolls, die sämtlich
verbunden sind mit dem Zentralcomputer des Bundeskriminalamts in Wiesbaden.
Der Große Bruder ist elektronisch geworden. Es gibt ihn nicht, aber
er ist da.
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