Was ist da genau passiert? Dadurch, dass ich mich mit den Zielen der Demonstranten identifiziert habe, habe ich zum ersten Mal eine Frontstellung empfunden. Ich habe also Polizisten jetzt fast als Gegner gesehen. Die haben mich teilweise selbst auf die Autobahn gedrängt, wo ich gar nicht hinwollte. Da ist Gewalt von der Polizei ausgegangen, die mir unsinnig vorkam. Ich habe keinen strategischen Sinn dahinter gesehen. Die Wasserwerfer-Einsätze kamen mir zum Teil vor wie aus Jux. Der sitzt da in seinem vergitterten Lastwagen und spritzt die Leute mit Tränengas voll. Da hab ich gedacht, das ist doch nicht die Polizei! Ich war empört, ich hab auch sehr häufig dieses „Aufhören, aufhören!“ gerufen wie die anderen Leute. Einen einzelnen Polizisten, der mir vorkam wie eine gewissenlose Marionette, habe ich angeschrieen: „Der kann doch nachts nicht mehr schlafen!“ Wenn er so weitermacht, meinte ich. Damit habe ich natürlich eigentlich mich selbst gemeint, aber das sind Sachen, die so schwer zu beschreiben sind. Du hast doch danach noch eine ganze Weile beim BKA gearbeitet. Bist Du wieder in die Beobachterposition zurückgekehrt? Nein. Das war allein schon wegen der Darstellung der Vorfälle in der Presse ganz unmöglich. Die Barrikaden waren angezündet worden, weil die Leute, die naßgespritzt worden waren, sich wärmen wollten. Die Krankenfahrzeuge sind sofort durchgelassen worden. Und ich habe das alles noch Wochen später in den Medien und in den Polizeiberichte n überall total anders und extrem aus der polizeilichen Sicht geschildert bekommen, in einer Art, die mit dem, was ich mitbekommen hatte, überhaupt nichts zu tun hatte. Das hat mich tief erschreckt, da hab ich gemerkt, dass da eigentlich fast schon Propaganda betrieben wird. Mir ist auch nachträglich klargeworden, dass es höchst wahrscheinlich zu einer Absicherung des Flughafens mit Video gekommen wäre, wenn der Aufruf nicht so kurzfristig gewesen wäre. Dann wären wohl alle oder ein großer Teil der Leute aufgezeichnet worden und im Prinzip ich auch. Sehr viele, die wie ich an den Auseinandersetzungen selbst nicht beteiligt waren, wären auf Grund von Videobändern wegen Landfriedensbruch angeklagt worden, wie es bei den Grohndeprozessen inzwischen geschieht. Das hat mir den Hintergrund meiner Arbeit sehr stark verdeutlich. Die ganze Technik, die da für den Terrorismusbereich entwickelt wird, kann eben naturgemäß auch für alle anderen Bereiche entsprechend eingesetzt werden. Und das verstärkt sich tendenziell immer mehr. |
![]() |
Worin erkennst Du diese Tendenz? Die flächendeckende Überwachung mit Hilfe von Videoübertragungsstrecken ist vom zuständigen Arbeitskreis II der Innenministerkonferenz als neue Strategie akzeptiert worden, und zwar für alle taktischen Bereiche. Ein Auto, das einen Fernsehsender im Kofferraum hat und eine versteckte Kamera, ist dann zwar für den TE-Bereich entwickelt worden, kann aber genauso gut zu einer Demonstration fahren und da alles aufzeichnen. Die Unzufriedenheit der Leute, die sich in Demonstrationen ausdrückt, wird halt zur Kenntnis genommen, ohne dass man auf die Gründe eingeht. Wenn dann eine Demonstration, egal durch welche Maßnahmen, in die Gewalt getrieben wird, wird es nötig, Beweisführungen zu entwickeln. Der Ruf der Länderpolizeien nach Observationsmitteln gegen Demonstrationen, die in Gewalt ausarten könnten, wird immer lauter. Ich habe selbst die Anfragen auf den Tisch bekommen. Es besteht ein ganz großer Bedarf, und da ist halt die ganze Videotechnik ein hervorragendes Mittel, das auch vor Gericht verwertet werden kann. Ich habe also festgestellt, dass ich durch meine Arbeit nichts anderes betreibe als Aufrüstung. Dass ich neue „Kampfmittel“ entwickele, um Probleme beherrschbar zu machen, die man nicht an der Wurzel beseitigen will oder kann. |
|
Sind solche Fragen unter den Kollegen im Amt diskutiert worden?
|
![]() |
Aufgespießt für die Staatsschutzkammer des Oberlandesgericht Frankfurt
|
Am 14.November 1981 demonstrierten 120.000 Menschen in Wiesbaden - ich war dabei. Die Berichterstattung über die Flughafen-Demo, zu der Alexander Schubart als "Sonntagsspaziergang" aufgerufen hatte, war geprägt von einer schwarz/weiß-Darstellung, von Gut und Böse, von Polizei und Demonstranten. Während ich beobachten konnte, daß jedes Geschehen als dynamischer Prozess sich selbst organisierte. Da gab es keine Täter oder Opfer mehr, es bedingte sich alles gegenseitig. Diese Sichtweise habe ich auch in den Wechselwirkungen dynamischer Prozesse im Gehirn von Klienten wahrnehmen können, wo jede Krankheit als Ausdruck einer Wechselwirkung komplexer Geschehnisse betrachtet wird. Auch der "Staatsterrorismus" wird als Ergebnis einer Wechselwirkung angesehen. Die Welt in Gut und Böse einzuteilen und weiterhin Symptome zu bekämpfen wird den Problemen nicht gerecht und ist schlichtweg unintelligent. Das Beispiel Startbahn-West hat für viele Politiker erstmals aufgezeigt, daß es nicht sinnvoll ist, gegen das Volk zu regieren und es ebenfalls "dumm" ist, bei Wahlabenden auf's Volk zu schimpfen. Die Partei der Grünen hat in den Protestbewegungen ihre Wurzeln und zwanzig Jahre später ist der Terroristenverteitiger unser Innenminister und Joschka Fischer der beliebteste Politiker. Diese selbstähnliche Entwicklung steht auch noch unserem Gesundheitswesen bevor, weil dort noch die stärkste "Staatssicht" herrscht. Ähnlich der DDR, die auch nicht reformfähig war. Von daher sehe ich meinen Beitrag der Entwicklung der Synergetik Therapie als Methode der Selbstheilung zur Verbesserung des Gesundheitswesens sehr selbstähnlich zu anderen gesellschaftlichen Entwicklungen, - mit Wurzeln, die einige Jahrzenhnte zurückreichen.
Siehe auch human-potential-movement |